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Samstag, 30. März 2013

Das Schwein, die Ziege und der Hammel - Fabel La Fontaine

Das Schwein, die Ziege und der Hammel

Eine Ziege, ein Hammel und ein fettgemästetes Schwein wurden gemeinsam auf
einem Karren zum Markt gefahren.

Die Ziege reckte ihren Hals und schaute neugierig in die Landschaft. Der Hammel hing seinen Gedanken nach. Nur das Schwein war aufsässig und fand gar keine Freude an diesem Ausflug.

Es schrie so entsetzlich, daß es sogar dem gutmütigen Hammel zuviel wurde. »Warum machst du denn so einen Lärm? Man kann dabei ja keinen vernünftigen Gedanken fassen.«

Auch die Ziege schimpfte mit dem Schwein und meckerte: »Hör endlich auf mit dem albernen Gezeter und benimm dich anständig. Schau dir die herrlichen, saftigen Wiesen an und sei dankbar dafür, daß du gefahren wirst und nicht zu Fuß gehen mußt.« »Törichte Ziege, dummer Hammel«, schneuzte das Schwein, »ihr haltet euch wohl für sehr klug und gebildet, daß ihr mir Vorschriften machen wollt. Glaubt ihr denn, daß der Bauer uns allein zu unserem Vergnügen herumkutschiert? Hättet ihr nur ein Fünkchen Verstand, dann wüßtet ihr, auf welchem Weg wir uns befinden.

Bestimmt denkt die leichtsinnige Ziege, man will auf dem Markt nur ihre Milch verkaufen. Du, törichter Hammel, glaubst vielleicht, daß man es einzig auf deine Wolle abgesehen hat. Ich aber für meinen Teil weiß es ganz genau, daß man mich mit dem vielen guten Essen ausschließlich zu dem Zweck vollgestopft hat, weil man mich töten und verspeisen will. Darum laßt mich um Hilfe schreien, solange ich es noch kann!« »Wenn du schon so verständig bist«, rief die Ziege zornig, weil das Schwein sie beunruhigt und ihr die schöne Fahrt verdorben hatte, »dann höre auch auf zu jammern! Du weißt, dein Unheil steht fest, was hilft also noch das Weinen und Klagen, wenn du doch nichts mehr ändern kannst?«
(La Fontaine)

Wie würde man den Sinn dieser Fabel deuten?
Was wollte der Dichter damit sagen?
Wollte er damit sagen, dass man alles hinnehmen soll, wenn man daran nichts ändern kann? Oder, dass man diejenigen unwissend lassen soll, die nicht über dies oder jenes nachdenken? Dass man den Augenblick genießen sollte, egal was danach kommt?
Ich verstehe da eher das Schwein, das alles mögliche versucht, um dem Schicksal zu entgehen.

Freitag, 29. März 2013

Die Junge Ente

pixabay

Die junge Ente. 

Die Henne führt der jungen Schaar,
Worunter auch ein Entchen war,
Das sie zugleich mit ausgebrütet.
Der Zug soll in den Garten gehn;
Die Alte giebts der Brut durch Locken zu verstehn;
Und jedes folgt, sobald sie nur gebietet,
Denn sie gebot mit Zärtlichkeit.

Die Ente wackelt mit; allein nicht gar zu weit.
Sie sieht den Teich, den sie noch nicht gesehen;
Sie läuft hinein, sie badet sich.
Wie, kleines Thier! Du schwimmst? Wer lehrt es dich?
Wer hieß dich in das Wasser gehen?
Wirst du so jung das Schwimmen schon verstehen?

Die Henne läuft mir struppigem Gefieder
Das Ufer zehnmal auf und nieder,
Und will ihr Kind aus der Gefahr befreyn;
Setzt zehnmal an, und fliegt doch nicht hinein;
Denn die Natur heißt sie das Wasser scheun.
Doch nichts erschreckt den Muth der Ente;
Sie schwimmt beherzt in ihrem Elemente,
Und fragt die Henne ganz erfreut,
Warum sie denn so ängstlich schreit?

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Was dir Entsetzen bringt, bringt jenem oft Vergnügen.
Der kann mit Lust zu Felde liegen,
Und dich erschreckt der bloße Name, Held.
Der schwimmt beherzt auf offnen Meeren;
Du zitterst schon auf angebundnen Fähren,
Und siehst den Untergang der Welt.
Befürchte nichts für dessen Leben,
Der kühne Thaten unternimmt;
Wen die Natur zu der Gefahr bestimmt,
Dem hat sie auch den Muth zu der Gefahr gegeben.

(Christian Fürchtegott Gellert)

Der grüne Esel

Der grüne Esel. 

Wie oft weiß nicht ein Narr durch thöricht Unternehmen,
Bild: pixabay
Viel tausend Thoren zu beschämen!

Neran, ein kluger Narr, färbt einen Esel grün,
Am Leibe grün, roth an den Beinen,
Fängt an, mit ihm die Gassen durchzuziehn;
Er zieht, und Jung und Alt erscheinen.
Welch Wunder! rief die ganze Stadt,
Ein Esel, zeisiggrün, der rothe Füße hat!
Das muß die Chronik einst den Enkeln noch erzählen,
Was es zu unsrer Zeit für Wunderdinge gab!
Die Gassen wimmelten von Millionen Seelen;
Man hebt die Fenster aus, man deckt die Dächer ab;
Denn alles will den grünen Esel sehn,
Und alle konnten doch nicht mit dem Esel gehn.

Man lief die beyden ersten Tage
Dem Esel mit Bewundrung nach.
Der Kranke selbst vergaß der Krankheit Plage,
Wenn man vom grünen Esel sprach.
Die Kinder in den Schlaf zu bringen,
Sang keine Wärterin mehr von dem schwarzen Schaf;
Vom grünen Esel hört man singen,
Und so geräth das Kind in Schlaf.

Drey Tage waren kaum vergangen;
So war es um den Werth des armen Thiers geschehn,
Das Volk bezeigte kein Verlangen,
Den grünen Esel mehr zu sehn.
Und so bewundernswerth er anfangs allen schien:
So dacht jetzt doch kein Mensch mit einer Sylb an ihn.

-------

Ein Ding mag noch so närrisch seyn,
Es sey nur neu, so nimmts den Pöbel ein:
Er sieht, und er erstaunt. Kein Kluger darf ihm wehren.
Drauf kömmt die Zeit, und denkt an ihre Pflicht;
Denn sie versteht die Kunst, die Narren zu bekehren,
Sie mögen wollen, oder nicht.

Christian Fürchtegott Gellert

Die Geschichte von dem Hute

Die Geschichte von dem Hute. 

Das erste Buch. 

Der erste, der mit kluger Hand,
Der Männer Schmuck, den Hut erfand, 
Trug seinen Hut unaufgeschlagen;
Die Krempen hingen flach herab; 
Und dennoch wußt er ihn zu tragen. 
Daß ihm der Hut ein Ansehn gab. 

Er starb, und ließ bey seinem Sterben 
Den runden Hut dem nächsten Erben. 

Der Erbe weis den runden Hut 
Nicht recht gemächlich anzugreifen; 
Er sinnt, und wagt es kurz und gut, 
Er wagts, zwo Krempen auszusteifen, 
Drauf läßt er sich dem Volke sehn; 
Das Volk bleibt vor Verwundrung siehn, 
Und schreit: Nun läßt der Hut erst schön! 

Er starb, und ließ bey seinem Sterben 
Den aufgesteiften Hut dem Erben. 

Der Erbe nimmt den Hut, und schmehlt. 
Ich, spricht er, sehe wohl, was fehlt.
Er setzte drauf mit weisem Muthe, 
Die dritte Krempe zu dem Hute. 
O, rief das Volk, der hat Verstand! 
Seht, was ein Sterblicher erfand ! 
Er, er erhöht sein Vaterland. 

Er starb, und ließ bey seinem Sterben 
Den dreyfach spitzen Hut dem Erben. 

Der Hut war freylich nicht mehr rein; 
Doch sagt, wie könnt es anders seyn?
Er gieng schon durch die vierten Hände. 
Der Erbe färbt ihn schwarz, damit er was erfände. 
Beglückter Einfall! rief die Stadt, 
So weit sah keiner noch, als der gesehen hat. 
Ein weisser Hut ließ lächerlich. 
Schwarz, Brüder, schwarz ! so schickt es sich. 

Er starb, und ließ bey seinem Sterben 
Den schwarzen Hut dem nächsten Erben. 

Der Erbe trägt ihn in sein Haus, 
Und sieht, er ist sehr abgetragen; 
Er sinnt, und sinnt das Kunststück aus. 
Ihn über einen Stock zu schlagen. 
Durch heisse Bürsten wird er rein;. 
Er faßt ihn gar mit Schnüren ein. 
Nun geht re aus, und alle fchreyen:
Was sehn wir? Sind es Zaubereyen? 
Ein neuer Hut! O glücklich Land, 
Wo Wahn und Finsterniß verschwinden! 
Mehr kann kein Sterblicher erfinden, 
Als dieser große Geist erfand. 

Er starb, und ließ bey seinem Sterben 
Den umgewandten Hut dem Erben.

Erfindung macht die Künstler groß,
Und bey der Nachwelt unvergessen; 
Der Erbe reißt die Schnüre los, 
Umzieht den Hut mit goldnen Dressen, 
Verherrlicht ihn durch einen Knopf, 
Und drückt ihn seitwerts auf den Kopf. 
Ihn steht das Volk, und taumelt vor Vergnügen. 
Nun ist die Kunst erst hoch gestiegen! 
IHM, schrie es, ihm allein ist Witz und Geist verliehn! 
Nichts sind die andern gegen ihn! 

Er starb, und ließ bey seinem Sterben 
Den eingefaßten Hut dem Erben. 
Und jedesmal ward die erfundne Tracht 
Im ganzen Lande nachgemacht

Was mit dem Hute sich noch ferner zugetragen, 
Will ich im zweyten Buche sagen. 
Der Erbe ließ ihm nie die vorige Gestalt. 
Das Außenwerk ward neu, er selbst, der Hut, blieb alt. 
Und, daß ichs kurz zusammen zieh, 
Es ging dem Hute fast, wie der Philosophie.

Quelle: Fabeln und Erzählungen: Bd. 1 Christian Fürchtegott Gellert, 1763

Der Zeisig

Die folgende Fabel zeigt, wie der Mensch häufig falsche Schlüsse zieht aus dem Äußeren. Das hat sich im Laufe der Zeit nicht geändert.

Können Sie sich davon ausschließen? Ich glaube fast, dass keiner es kann. Wie heißt doch auch ein bekanntes Sprichwort: "Kleider machen Leute." Haben nicht auch bei uns Menschen Sänger bzw. Sängerinnen mehr Chancen, bekannt zu werden und erfolgreich zu sein, die ein nettes Äußeres haben bzw. den Geschmack der jeweiligen Zeit treffen?

Doch nicht immer steckt hinter einer schönen Fassade auch ein kluger Kopf.

Der Zeisig. 

Ein Zeisig wars und eine Nachtigall,
Die einst zu gleicher Zeit vor Damons Fenster hingen.
Die Nachtigall fing an, ihr göttlich Lied zu singen.
Und Damons kleinem Sohn gefiel der süsse Schall
„Ach welcher singt von beiden doch so schön?
Den Vogel möcht ich wirklich sehn!"
Der Vater macht ihm diese Freude,
Er nimmt die Vögel gleich herein.
"Hier", spricht er, "sind sie alle beide;
Doch welcher wird der schöne Sänger seyn?
Getraust du dich, mir das zu sagen?"
Der Sohn läßt sich nicht zweymal fragen,
Schnell weist er auf den Zeisig hin;
"Der", spricht er, "muß es seyn, so wahr ich ehrlich bin.
Wie schön und gelb ist sein Gefieder!
Drum singt er auch so schöne Lieder;
Dem andern sieht mans gleich an seinen Federn an,
Daß er nichts kluges singen kann."

Sagt, ob man im gemeinen Leben Nicht oft,
wie dieser Knabe schließt?
Wem Farb und Kleid ein Ansehn geben.
Der hat Verstand, so dumm er ist.
Stax kömmt, und kaum ist Star erschienen;
So halt man ihn auch schon für klug.
Warum? Seht nur auf seine Minen,
Wie vortheilhaft ist jeder Zug!
Ein andrer hat zwar viel Geschicke;
Doch weil die Mine nichts verspricht;
So schließt man bey dem ersten Blicke,
Aus dem Gesicht, aus der Perücke,
Daß ihm Verstand und Witz gebricht.

Fabeln und Erzählungen: Bd. 1 Christian Fürchtegott Gellert, 1764

Dienstag, 12. März 2013

Rabe und Fuchs - Fabel von Aesop

Aesop lebte angeblich Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus. Die ihm zugeschriebenen Fabeln werden heute immer noch gern gelesen und treffen im übertragenen Sinn auch auf bestimmte Verhaltensweisen von Menschen zu. Die Fabeln  gehen wahrscheinlich auf mündliche Überlieferung zurück. Das Werk Aesops ist nur in späteren Überarbeitungen erhalten.

Eine bekannte Fabel ist die folgende:

Rabe und Fuchs 

Ein Rabe hatte einen Käse gestohlen, flog damit auf einen Baum und wollte dort seine Beute in Ruhe verzehren. Da es aber der Raben Art ist, beim Essen nicht schweigen zu können, hörte ein vorbeikommender Fuchs den Raben über dem Käse krächzen. Er lief eilig hinzu und begann den Raben zu loben: »O Rabe, was bist du für ein wunderbarer Vogel! Wenn dein Gesang ebenso schön ist wie dein Gefieder, dann sollte man dich zum König aller Vögel krönen!«

Dem Raben taten diese Schmeicheleien so wohl, daß er seinen Schnabel weit aufsperrte, um dem Fuchs etwas vorzusingen. Dabei entfiel ihm der Käse. Den nahm der Fuchs behend, fraß ihn und lachte über den törichten Raben.