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Donnerstag, 30. Mai 2013

Ins Einzelne

Ins Einzelne. 

Seit vielen Jahren hab' ich still
Zu eurem Thun geschwiegen,
Das sich am Tag' und Tages -Will
Gefällig mag vergnügen.

Ihr denkt, woher der Wind auch weht
Zu Schaden und Gewinne,
Wenn es nach eurem Sinne geht,
Es ging nach einem Sinne.

Du segelst her, der Andre hin,
Die Woge zu erproben,
Und was erst eine Flotte schien,
Ist ganz und gar zerstoben.

(Johann Wolfgang von Goethe)

Künstlers Abendlied

Künstlers Abendlied. 

Ach, daß die innre Schöpfungskraft 
Durch meinen Sinn erschölle! 
Daß eine Bildung voller Saft 
Aus meinen Fingern quölle! 

Ich zittre nur, ich stottre nur, 
Und kann es doch nicht lassen; 
Ich fühl', ich kenne dich, Natur, 
Und so muß ich dich fassen. 

Bedenk' ich dann, wie manches Jahr 
Sich schon mein Sinn erschließet, 
Wie er, wo dürre Haide war, 
Nur Freudenquell genießet; 

Wie sehn' ich mich, Natur, nach dir, 
Dich treu und lied zu fühlen! 
Ein lust'ger Springbrunn, wirst du mir 
Aus tausend Rohren spielen. 

Wirst alle meine Kräfte mir 
In meinem Sinn erheitern, 
Und dieses enge Daseyn mir 
Zur Ewigkeit erweitern.


Dienstag, 14. Mai 2013

Die Kinder im Walde

Die Kinder im Walde

Es blieben einst drei Kinder stehn,
Die grad' zur Schule sollten gehn;
Sie dachten dies, sie dachten das:
Das Lernen sei ein schlechter Spaß,

Und sprachen dann mit leichtem Sinn:
„Ei, laßt uns doch zum Walde hin!
Das Spielen ist der Thierlein Brauch;
Laßt spielen uns mit ihnen auch!"

Sie luden denn im Walde ein
Zum Spiel die Thiere groß und klein;
Doch sprachen die: „ Es thut uns leid;
Wir haben jetzo keine Zeit."

Der Käfer brummte: „Das wär' schön,
Wollt' ich mit euch so müßig gehn!
Ich muß aus Gras ein Brücklein baun;
Dem alten ist nicht mehr zu traun."

Am Ameishaufen schlichen sie
Ganz leis vorbei, ich weiß nicht wie,
Und liefen vor dem Bienlein schier'
Als war' es gar ein giftig Thier.

Das Mauslein sprach zu ihnen fein:
„Ich sammle für den Winter ein."
„Und ich," das weiße Täubchen sprach,
„Zum Neste dürre Reiser trag'."

Das Häschen winkte freundlich bloß:
„Ich könnte um die Welt nicht los;
Ihr seht, mein Schnäuzcheu ist nicht rein,
Das muß im Fluß gewaschen sein."

Und auch das Erdbeerblütchen sprach:
 „Ich nütze diesen schönen Tag,
Zu reifen meine süße Frucht,
Die dann der arme Bettler sucht."

Da kam ein junger Hahn daher.
Sie riefen: „Liebster Monsieur! er,
Er hat doch wahrlich nichts zu thun
Und kann ein bißchen bei uns ruhn!"

„Pardon! ich hab' von Adel Gäst'
Und arrangire heut' ein Fest!"
So spricht der Hahn voll Gravität,
Verneigt sich steif und kalt, und geht.

Draus dachten sie in ihrem Sinn:
Du, Bächlein, plätscherst doch so hin,
Komm, spiel' mit uns, sei mit uns froh!"
Das Bächlein sprach erstaunt: „Wie so?

Ei seht die faulen Kinder, seht!
Ich weiß nicht, wo der Kopf mir steht.
Sie meinen, ich hätt' nichts zu thun,
Und kann doch Tag und Nacht nicht ruhn.

Menschen, Thiere, Gärten, Wälder,
Wiesen, Thal und Berg und Felder —
Alle muß das Bächlein tränken
Und die Töpfe auch noch schwenken,

Kinder wiegen, Mühlen treiben,
Bretter schneiden, Erz zerreiben,
Wolle spinnen, Schiffe tragen,
Feuer löschen, Hämmer schlagen.

Ich kann euch alles sagen nicht,
Weil Mir dazu die Zeit gebricht."
So sprach's, und sprang von Ort zu Ort,
Und husch! war gleich das Bächlein fort.

Da war ihr Muth dem Sinken nah,
Als einer einen Finken sah,
Der aus dem Aste saß in Ruh
Und pfiff sein Lied und fraß dazu.

Sie riefen: „Ach, Herr Biedermann,
Der all die schönen Lieder kann,
Du hast gewiß recht viele Zeit
Und bist mit uns zum Spiel bereit!"

„Potz tausend! Hab' ich recht gehört?
Ihr Kinder scheint mir recht bethört;
Ich hab' gejagt den langen Tag
Den Mücken, sie zu fangen, nach.

Nun wollen auch die Jungen mein
Im Schlafe eingesungen sein;
Drum pfeif' ich mit der Brüder Chor
Den Kleinen meine Lieder vor.

Ich sing' dem Wald zur hohen Lust,
Ein müder Mann, aus froher Brust,
Dem Herren giebt mein Mund den Preis
Und lobt die Arbeit und den Schweiß.

Doch sprecht, was habt ihr denn gemacht,
Die also schlecht von nur gedacht?
Kehrt um, ihr Müßiggänger ihr,
Und stört die Leut' nicht länger hier!"

Von allen Thieren so belehrt,
Sind draus die Kinder froh gekehrt,
Und wußten, daß dem Fleiß allein
Des Spieles Lust ein Preis kann sein.

Franz v. Pocci





Donnerstag, 18. April 2013

Gegen das Gähnen - Rückert

Gegen das Gähnen.


Das Gähnen, lieber Sohn, es ist zwar unwillkürlich,
Doch abgewöhnen mußt du dirs als ungebührlich.

 Ich habe nie gesehn, daß wenn du auf den Zähnen
Was Gutes hast zu kaun, dir kam dabei das Gähnen.

Auch würde dir dadurch des Kauens Kraft entrissen
Und fallen möchte dir aus offnem Mund der Bissen.

Beim Lernen aber ist das Gähnen gleich erweckt;
Ich sehe, daß es dir nicht wie das Essen schmeckt.

Wenn gähnend sich der Mund aufthut, schließt sich das Ohr,
So daß es ungehört des Lehrers Wort verlor.

Wenn gähnend sich der Mund aufthut, gehn zu die Augen,
Daß sie des Buches Schrift nicht aufzufassen taugen.

Des Lernens Süßigkeit hast du noch nicht empfunden,
Sonst wäre dir die Lust zu gähnen ganz verschwunden.

Das Wissen, wiß' o Sohn, ist auch ein guter Bissen,
Dem Seelengaumen wird durchs Gähnen es entrissen.

Drum wenn beim Lernen dir ein Gähnen kommt, so hemm' es,
Entschlossen mit dem Schloß der Zähne niederklemm' es.

So hat es dir vorerst den Bissen nicht genommen,
Und endlich wird ihm selbst die Lust vergehn zu kommen.

Fr. Rückert.

Mittwoch, 17. April 2013

Der Regentropfen - Gedicht Christoph von Schmid


Fast wie ein Wunder der Natur wirkt der Regentropfen, wenn er von der Sonne angestrahlt wird. In ihm spiegeln sich Zweige oder andere Dinge. Je nach dem aus welcher Richtung man schaut, wechselt er die Farbe in Rot, Grün, Blau. Ein wunderschönes Gedicht erzählt von diesem Farbenspiel.


Der Regentropfen

Ein Frühlingsregen überfiel
Drei Knaben einst bei ihrem Spiel
Auf bunter Au am Buchenhain -
Sie flüchteten in Wald hinein.

Da kaum die Sonn' aus Wolken bricht,
Glänzt etwas, wie ein brennend‘ Licht,
Hellschimmernd aus des Waldes Nacht
In wunderbarer Farbenpracht.

"Ha, welch ein wunderschöner Schein,.
Rief Karl, da seht einmal hinein;
Schau, Fritzchen, dort im Busche, schau,
O welch ein unvergleichlich Blau!"

„Ich seh', sprach Fritz, das Licht wohl auch
Dort in dem wilden Rosenstrauch,
Doch ist's, so wahr ich ehrlich bin —
Ein herrlich schönes goldnes Grün."

„Was grün, was blau, fing Gustchen an,
Wie man sich doch betrügen kann!
Roth wie Rubin, seht ihrs denn nicht,
Ganz glutroth strahlt das Wunderlicht."

Sie traten hin — der Schimmer war
Ein Regentropfen hell und klar —
An einem einzeln Sonnenstrahl,
Der sich ins tiefe Dunkel stahl.

In buntverschied'nem Glanze seh'n
Die Wahrheit wir — nachdem wir steh'n;
Wird sie einst näher uns gerückt —
Wird sie in reinem Licht erblickt.

Christoph von Schmid
(*1768 †1854)

Sonntag, 14. April 2013

Das Rotkehlchen

Rothkehlchen. 
Rotkehlchen
Bild pixabay

Ein niedliches Rothkehlchen kehrte
Wenn Winterfrost den Hain verheerte,
Bei einem frommen Landmann ein.
Sobald es an sein Fenster pickte.
Kam gleich der gute Mann, und nickte
Ihm freundlich zu und nahm es ein.

Im Lenz verließ es dann sein Zimmer,
Fing an, so froh und frei wie immer
Sein kleines Nestchen sich zu baun,
Und sang zufrieden seine Lieder.
Es sang: Man traut uns gerne wieder,
Wenn wir auch Andern gern vertraun,

(Aus Wielands deutsch. Merkur.)

Samstag, 13. April 2013

Die Blüten und die Käfer - Gedicht von Rückert

Die Blüten und die Käfer. 

Die Blüten und die Käfer stritten; 
Die Käfer fraßen, die Blüten litten;
Der Lenz, des Streites müde, 
spricht: Ich mach' euch beide gleich zu nicht! 
Da nistet er sein Strafgericht 
Und ließ sich nicht erbitten. 


Erst hub er an im Blütenmaien 
Mit Hagelkörnern drein zu schneien; 
Die Blüten sanken vom Gewicht 
Der Körner, doch die Käfer nicht, 
An deren Schild ein Schuß sich bricht; 
Sie leben und gedeihen. 

Dann hub er tüchtig an zu frieren: 
Nun werdet ihr die Lust verlieren! 
Den Blüten schrumpfte das Gesicht 
Vom Froste, doch den Käfern nicht; 
Die Blüten fallen Schicht auf Schicht,
 Die Käfer triumphieren. 

Drauf hub er an mit Macht zu regnen: 
Nun will ich euch gewaltig segnen! 
Die Blüten thaten ganz Verzicht 
Aufs Leben, doch die Käfer nicht; 
Ihr Panzerhemd ist wasserdicht,
 Ihnen kann nichts begegnen. 

Nun läßt er seine Sonne scheinen: 
Nun will ich euch in Lust vereinen! 
Allein zur Lust die Kraft gebricht 
Den Blüten, nur den Käfern nicht. 
Der Gute stirbt, es lebt der Wicht, 
So geht's im Großen und Kleinen. 

Fr. Rückert.

Sonntag, 7. April 2013

Lebenslied - Gedicht Ernst Moritz Arndt

Lebenslied

Steh' und falle mit eignem Kopfe,
Thu' das Deine und thu' es frisch!
Besser stolz an dem irdnen Topfe,
Als demütig am goldnen Tisch:
Höhe hat Tiefe,
Weltmeer hat Riffe,
Gold hat Kummer und Schlangengezisch.

Bau dein Nest, weil der Frühling währet.
Lustig bau's in die Welt hinein;
Hell der Himmel sich oben kläret,
Drunten duften die Blümelein:
Wagen gewinnet,
Schwäche zerrinnet -
Wage! dulde! die Welt ist dein.

Steh' nicht horchend, was Narren sprechen.
Jedem blüht aus der Brust sein Stern;
Schicksal webet an stygischen Bächen,
Feigen webet es schrecklich fern.
Steige hinnieder!
Fasse die Hyder!
Starken folget das Starke gern.

Wechselnd geht unter Leid und Freuden
Nicht mitfühlend der schnelle Tag.
Jeder suche zum Kranze bescheiden,
Was von Blumen er finden mag.
Jugend verblühet,
Freude entfliehet:
Lebe! halte! doch lauf' nicht nach.

Ernst Moritz Arndt

Samstag, 6. April 2013

Das Alter - Gedicht Hoffmann von Fallersleben

Alter. 

Nein, ich bin nicht mehr derselbe,
Der ich sonst vor Zeiten war:
Matt das Auge, kraus die Stirne,
Schwach der Arm und grau das Haar.

Und mein Sommer ist entflohen,
Meine Saat ist abgemäht.
Nach verlor'nen Freuden jagen,
Ist es wahrlich nun zu spät.

Eines ist mir nur geblieben —
Alten Glücks Erinnerung;
Und zu dulden und zu leiden
Bin und bleib' ich immer jung.

(Hoffmann von Fallersleben)

Neujahrs-Wunsch - Gedicht Hoffmann von Fallersleben

Neujahrs - Wunsch.

Laß werden, Gott, der Sehnsucht Quelle
In mir so lauter und so helle,
Wie Thau an frischen Lilien bebt.
Dann hat Ihr Bild, das Bild der Einen,
Der Wonniglichen, Frommen, Reinen,
In mir Ihr Engelsbild gelebt.



Dann laß, o Gott, die Quelle tönen
Als eine Stimme alles Schönen
Aus meiner Liebe Frühlingswelt!
Bis einst so lauter und so helle,
Bis einst dann meiner Sehnsucht Quelle
Wie eine Thräne niederfällt.

(Hoffmann von Fallersleben)

Lebensphilosophie - Gedicht Hoffmann von Fallersleben

Lebensphilosophie. 

Hoffe nicht! harre nicht!
Frisch die Zeit beim Schopf gefaßt!
Suche nicht was dir gebricht,
Und genieße was du hast!

Muthig nur und geschwind!
Frag nicht wie? und wann? und wo?
Wenn wir heute lustig sind,
Ei, so sind wir morgen froh.

(Hoffmann von Fallersleben)

Der Regenbogen - Gedicht Johann Michael Friedrich Rückert

Der Regenbogen. 

Wo der Regenbogen steht, 
Steht ein golden Schüsselein; 
Wer bis dort hinüber geht, 
Sieht es stehen blank und rein. 

In dem Schüßlein eingeschenket 
Steht ein goldner Himmelwein; 
Wer daraus nach Lust sich tränket, 
Kann dann nimmer durstig sein. 

Hie und dorten früh und spät 
Bin ich nach dem Schein gegangen; 
Wo er auf der Erde steht. 
Nimmer konnt' ich hingelangen. 

Nimmer konnt' ich hingelangen. 
Wo sich schenkt der goldne Wein; 
Und der Durst in mir, noch lange 
Wird er nicht gestillet sein. 

(Rückert)

Dienstag, 19. März 2013

Auf und nieder - Gedicht

Auf und nieder. 

Nie ruht die Sonne nach des Tages Müh'n, 
Nicht ist das Abendroth ihr letztes Glüh'n: 
Am jungen Morgen kehrt sie neugeboren, 
Der bangen Welt zurück aus gold'nen Thoren. 
O sei der Sonne gleich, — stets unerschlafft 
An Licht und Lieb' und fröhlicher Lebenskraft.
(Autor unbekannt)

Foto Abendstimmung - Sonnenuntergang
Abendstimmung
Foto: pixabay

Freitag, 15. März 2013

Die beiden Hunde

Die beiden Hunde. 

„Ich will euch erzählen ein Märchen gar schnurrig," 
Einst gab es zwei Hunde, der eine war kurrig, 
Ein Hund aus dem Volke, gar ehrlich und drall, 
Erwarb er sich Freunde wohl überall. 
Der andre, mit Halsband, mit Zeichen und Schloß,
Verrieth schon im Aeußern, daß er ein Genoß 
Hochadligen Stammes, von vornehmem Stand, 
Doch Stolz war aus seinem Sinne verbannt. 
Die Beiden, sie hatten einander gar gern, 
Und waren sie nicht im Dienst ihrer Herrn,
So schnüffelten sie um einander herum, 
Und gruben nach Mäusen die Felder um, 
Und liefen und rannten und rauften sich baß, 
Und machten sich sonst noch manch lieben Spaß. 
Ich war noch ein Knäblein und schaute vergnügt 
Gar oft ihre Spiele, wie's eben sich fügt. 
Da — 's war wohl an einem Septembertag, 
Auf dem die Hitze gar drückend lag — 
Sagt' einmal der reiche zum armen Hund: 
„Ich wundre mich oft aus Herzensgrund, 
Welch Leben du führst; wie fängt man's an, 
Daß von so Wenig man leben kann?" 

„Das will ich dir sagen", erwiderte schnell 
Der Arme, „'s ist trüb bald der Himmel, bald hell; 
Doch ist man zufrieden, das ist mein Spruch, 
So lebt man dir immer vergnügt genug." 
Da hängt der Andre betrübt die Ohren — 
Er hat die Zufriedenheit längst schon verloren — 
Und traurig er zu dem Armen spricht: 
„Die kennt man im Hause der Reichen nicht."

(Aus "Blumen der Zeit" aus dem Jahr 1847)
Foto: Pixabay

Dienstag, 12. März 2013

Ein Freund - Lichtenberg

Ein Freund, der nie von Eigennutz gelenkt
Die Pflichten übt, die Lessing selbst nur denkt;
Der, wenn die Erde bebt und alle Gläser sinken,
Mich standhaft lehrt, den Wein aus Tassen trinken;
Der goldne Narrn verlacht und Bettelnde beweint,
Ein solcher Freund, das heißt ein wahrer Freund.
(Georg Christoph Lichtenberg
an Friedrich Maximilian Moors 1767)

Sonntag, 10. März 2013

Jugend und Alter - Hoffmann von Fallersleben

Foto: Pixabay

Jugend und Alter. 

Jugend, dich Hab' ich so lieb! 
Alter kommt wie ein Dieb, 
Nimmt den Rosen Farb' und Duft, 
Vögeln ihren Flug in der Luft, 
Bäumen und Reben ihren Saft, 
Und dem Menschen seine Kraft. 

Jugend, dich Hab' ich so gem! 
Alter, bleibe du fern! 
Hauche des Mägdleins Locke nicht an! 
Ei, was hat dir die Wange gethan! 
Kannst du nicht leiden Tanz und Gesang? 
Willst du todten der Stimme Klang? 

Jugend, ich flehe zu dir, 
Werde Zauberin mir! 
Wird der Wangen Röthe nicht jung, 
Kehret nicht wieder der Füße Schwung — 
Rette die Seele vor Alters List, 
Daß ich dich lobe, wie schön du bist!

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)

Lebensfrage - Hoffmann von Fallersleben

Foto Pixabay

Lebensfrage. 

Soll ich müssig sein und klagen, 
Jung noch wie ein Greis verzagen, 
Und das Leben nicht verstehn? 
Soll ich unter Blüthenbäumen 
Von genossnen Früchten träumen, 
An Erinnerung vergehn? 

Ob wir weinen oder lachen, 
Ob wir schlafen oder wachen, 
Freund, die Nacht stellt doch sich ein. 
Alte Freuden zu erneuen, 
Wollen wir uns heute freuen, 
Jeder Tag soll unser sein!

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)

Der Philosoph - Wilhelm Busch

 Selbstporträt vom Wilhelm Busch aus dem Jahr 1894
Auch unser bekannter Deutscher Dichter, Wilhelm Busch, der Erfinder von Max und Moritz, hatte eine Meinung über die Philosophen. In dem folgenden Gedicht beschreibt er einen besonders ernsten Philosophen.


Der Philosoph

Ein Philosoph von ernster Art,
Der sprach und strich sich seinen Bart:
»Ich lache nie. Ich lieb' es nicht,
Mein ehrenwertes Angesicht
Durch Zähnefletschen zu entstellen
Und närrisch wie ein Hund zu bellen;

Ich lieb' es nicht, durch ein Gemecker
Zu zeigen, daß ich Witzentdecker;
Ich brauche nicht durch Wertvergleichen
Mit andern mich herauszustreichen,
Um zu ermessen, was ich bin,
Denn dieses weiß ich ohnehin.

Das Lachen will ich überlassen
Den minder hochbegabten Klassen.
Ist einer ohne Selbstvertraun
In Gegenwart von schönen Fraun,
So daß sie ihn als faden Gecken
Abfahren lassen oder necken.

Und fühlt er drob geheimen Groll
Und weiß nicht, was er sagen soll,
Dann schwebt mit Recht auf seinen Zügen
Ein unaussprechliches Vergnügen.
Und hat er Kursverlust erlitten,
Ist er moralisch ausgeglitten.

So gibt es Leute, die doch immer
Noch dümmer sind als er und schlimmer.
Und hat er etwa krumme Beine,
So gibt's noch krümmere als seine.
Und tröstet sich und lacht darüber
Und denkt: Da bin ich mir doch lieber.

Den Teufel lass' ich aus dem Spiele.
Auch sonst noch lachen ihrer viele,
Besonders jene ewig Heitern,
Die unbewußt den Mund erweitern,
Die, sozusagen, auserkoren
Zum Lachen bis an beide Ohren.

Sie freuen sich mit Weib und Kind
Schon bloß, weil sie vorhanden sind.
Ich dahingegen, der ich sitze
Auf der Betrachtung höchster Spitze,
Weit über allem Was und Wie,
Ich bin für mich und lache nie.«

(Wilhelm Busch 1832 - 1908)

Denkender Mensch
Foto: Pixabay

Mittwoch, 6. März 2013

Das Himmelreich - Friedrich Baltzer

Foto: Pixabay

Das Himmelreich. 

Du suchst und möchtest gern es finden,
Was deine Seele selig macht.
Du suchst es in des Himmels Gründen
Und in der Erde tiefstem Schacht.
Du suchst es über fernen Meeren,
In einer andern Sonne Licht;
Du schmückest dich mit Ruhm und Ehren:
Doch das Ersehnte hast du nicht.

O so verlaß das eitle Drängen,
Laß ab von thörichter Begier!
Tönt's nicht in jubelnden Gesängen:
„Das Himmelreich ist nah bei dir"?
Such's nicht in Höhen, nicht in Gründen,
Nicht in der schnell verblühten Lust:
Willst du den wahren Himmel finden,
Such' ihn, o Mensch, in deiner Brust!

(Friedrich Baltzer, veröffentlicht 1833)


Johann Friedrich Baltzer jun. (* 18. November 1801 in Hohenleina; † 22. Januar 1885 in Dresden), deutscher Pfarrer, Revolutionär (1848/49) und Literat; 1833-1849 Pfarrer in Zwochau (Quelle: Wikipedia)

Sonntag, 3. März 2013

Leben und Liebe - Hoffmann von Fallersleben

Foto: Pixabay

Leben und Liebe 

Das Leben ist nur Kampf und Streit: 
Wir müssen leiden, müssen ringen. 
Frisch auf mit Muth und Heiterkeit, 
Und endlich wird es dir gelingen. 
Was heute noch dein Herz entbehret, 
Schon morgen ist es dir gewähret. 

O klage nicht dein Schicksal an: 
Der Liebe galt allein dein Streben. 
Wer noch für Liebe kämpfen kann, 
Dem ist noch reich das arme Leben. 
Und gäb' es gar kein Glück auf Erden, 
So ist's ein Glück, geliebt zu werden. 

(Hoffmann von Fallersleben)

Quelle: Lieder und Gedichte zum Gebrauch für Versammlung, Schule und Haus freier Gemeinden, Friedrich Schünemann-Pott, 1833