Sonntag, 7. April 2013

Lebenslied - Gedicht Ernst Moritz Arndt

Lebenslied

Steh' und falle mit eignem Kopfe,
Thu' das Deine und thu' es frisch!
Besser stolz an dem irdnen Topfe,
Als demütig am goldnen Tisch:
Höhe hat Tiefe,
Weltmeer hat Riffe,
Gold hat Kummer und Schlangengezisch.

Bau dein Nest, weil der Frühling währet.
Lustig bau's in die Welt hinein;
Hell der Himmel sich oben kläret,
Drunten duften die Blümelein:
Wagen gewinnet,
Schwäche zerrinnet -
Wage! dulde! die Welt ist dein.

Steh' nicht horchend, was Narren sprechen.
Jedem blüht aus der Brust sein Stern;
Schicksal webet an stygischen Bächen,
Feigen webet es schrecklich fern.
Steige hinnieder!
Fasse die Hyder!
Starken folget das Starke gern.

Wechselnd geht unter Leid und Freuden
Nicht mitfühlend der schnelle Tag.
Jeder suche zum Kranze bescheiden,
Was von Blumen er finden mag.
Jugend verblühet,
Freude entfliehet:
Lebe! halte! doch lauf' nicht nach.

Ernst Moritz Arndt

Samstag, 6. April 2013

Das Alter - Gedicht Hoffmann von Fallersleben

Alter. 

Nein, ich bin nicht mehr derselbe,
Der ich sonst vor Zeiten war:
Matt das Auge, kraus die Stirne,
Schwach der Arm und grau das Haar.

Und mein Sommer ist entflohen,
Meine Saat ist abgemäht.
Nach verlor'nen Freuden jagen,
Ist es wahrlich nun zu spät.

Eines ist mir nur geblieben —
Alten Glücks Erinnerung;
Und zu dulden und zu leiden
Bin und bleib' ich immer jung.

(Hoffmann von Fallersleben)

Neujahrs-Wunsch - Gedicht Hoffmann von Fallersleben

Neujahrs - Wunsch.

Laß werden, Gott, der Sehnsucht Quelle
In mir so lauter und so helle,
Wie Thau an frischen Lilien bebt.
Dann hat Ihr Bild, das Bild der Einen,
Der Wonniglichen, Frommen, Reinen,
In mir Ihr Engelsbild gelebt.



Dann laß, o Gott, die Quelle tönen
Als eine Stimme alles Schönen
Aus meiner Liebe Frühlingswelt!
Bis einst so lauter und so helle,
Bis einst dann meiner Sehnsucht Quelle
Wie eine Thräne niederfällt.

(Hoffmann von Fallersleben)

Lebensphilosophie - Gedicht Hoffmann von Fallersleben

Lebensphilosophie. 

Hoffe nicht! harre nicht!
Frisch die Zeit beim Schopf gefaßt!
Suche nicht was dir gebricht,
Und genieße was du hast!

Muthig nur und geschwind!
Frag nicht wie? und wann? und wo?
Wenn wir heute lustig sind,
Ei, so sind wir morgen froh.

(Hoffmann von Fallersleben)

Der Regenbogen - Gedicht Johann Michael Friedrich Rückert

Der Regenbogen. 

Wo der Regenbogen steht, 
Steht ein golden Schüsselein; 
Wer bis dort hinüber geht, 
Sieht es stehen blank und rein. 

In dem Schüßlein eingeschenket 
Steht ein goldner Himmelwein; 
Wer daraus nach Lust sich tränket, 
Kann dann nimmer durstig sein. 

Hie und dorten früh und spät 
Bin ich nach dem Schein gegangen; 
Wo er auf der Erde steht. 
Nimmer konnt' ich hingelangen. 

Nimmer konnt' ich hingelangen. 
Wo sich schenkt der goldne Wein; 
Und der Durst in mir, noch lange 
Wird er nicht gestillet sein. 

(Rückert)